Leider zählt Brustkrebs noch immer zu den Hauptgründen für Todesfälle bei Frauen ab 40. Die Zahlen sprechen für sich. So werden deutschlandweit pro Jahr 50.000 Neuerkrankungen registriert. Jährlich sterben in Deutschland 16.000 Frauen an Brustkrebs. Das bedeutet, dass eine von zehn Frauen irgendwann in ihrem Leben einmal an Brustkrebs erkrankt. Dabei zählt das Mamakarzinom zu den am häufigsten vorkommenden Krebsarten bei Frauen. Je älter die Frau wird, umso mehr steigt das Risiko für eine Brustkrebserkrankung. Vor allem in den nördlichen Industriestaaten ist eine extrem hohe Todesrate in Folge von Brustkrebs zu verzeichnen. Glücklicherweise steigen die Werte seit 40 Jahren nicht weiter an, sondern bleiben relativ konstant.
Obwohl die Behandlung von Brustkrebs sich immer weiter entwickelt, haben die Frauen heute noch mit massiven Nebenwirkungen durch Chemotherapie und Bestrahlung zu kämpfen, die in der Regel an einen operativen Eingriff anschließen. Zu den Nebenwirkungen gehören nach wie vor starke Übelkeit sowie Haarausfall. Zudem wird immer auch gesundes Gewebe zerstört und das Blutbild wird soweit verändert, dass es zu einer zumindest teilweisen Zerstörung des Immunsystems kommt. Obgleich die Therapie heutzutage an das jeweilige Stadium des Brustkrebses angepasst werden kann, sind die Nebenwirkungen in jedem Fall gegeben. Dadurch wird nicht nur der Körper, sondern auch die Psyche der Patientin enorm belastet.
Die wirkungsvollste Waffe gegen den Brustkrebs ist immer noch die frühzeitige Erkennung von Gewebsveränderungen in der Brust oder in den Lymphknoten. Ein kleiner Tumor, der früh erkannt wird, hat die besten Heilungschancen. Dabei kommt es nicht allein auf die Größe des Tumors an, sondern auch darauf, inwieweit die Lymphknoten mit betroffen sind und ob sich bereits Metastasen gebildet haben.
Blinde können Tumore im frühen Stadium ertasten
Viele Tumore könnten in einem frühen Stadium erkannt werden, würden alle Patientinnen regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen gehen. Zu den Untersuchungsmethoden für Frauen bis 50 Jahre gehören Tastuntersuchung, Ultraschall und eine sogenannte Familienanamnese, bei der das mögliche Brustkrebsrisiko ausgeleuchtet wird. Wird bei einer Vorsorgeuntersuchung ein erhöhtes Risiko festgestellt oder gar eine Gewebsveränderung ertastet, wird als nachfolgernde Untersuchung eine Mammographie durchgeführt.
Bedingt durch den hektischen Alltag in einer gynäkologischen Praxis fällt das Abtasten der Brust und der Achselhöhlen jedoch wesentlich kürzer aus als notwendig wäre. Und die meisten Frauen haben entweder eine gewisse Scheu oder vergessen es, die Brust in einem regelmäßigen Abstand selbst zu untersuchen. Hinzu kommt, dass vielen die richtige Methode des Abtastens nicht bekannt ist.
Ausbildung von Blinden im ertasten von Brustkrebs durch "discovering hands"
Um diese Lücke zu schließen, sollen durch das Projekt "discovering hands" = entdeckende Hände blinde Frauen dazu ausgebildet werden, Brustkrebs zu ertasten. Die Ausbildung zur MTU (Medizinische Tastuntersucherin) dauert ein Jahr und besteht darin, dass Ausbilder im gynäkologischen Bereich den Frauen die richtigen Tastgriffe beibringen und sie darin schulen, verändertes Gewebe zu erkennen. Ob die Frauen zuverlässige Tastuntersuchungen durchführen können, wird anhand einer Prüfung vor der Ärztekammer überprüft. Damit haben die Frauen einen klaren Vorteil gegenüber Gynäkologen, die auf diesem Bereich keine Prüfung ablegen müssen.
Da Blinde sich auch im sonstigen Leben auf ihren Tastsinn verlassen müssen, sind sie für diesen Beruf geradezu prädestiniert. Eine systematische Tastuntersuchung dauert rund 30 Minuten und kostet für die Patientin als zusätzliche Leistung 25 Euro Eigenanteil: Dieses Geld ist sicher gut angelegt, denn schon allerkleinste Veränderungen des Brustgewebes können durch die MTUs zuverlässig und frühzeitig erkannt werden. Damit werden die Heilungschancen deutlich erhöht.
Da die zur Auswahl stehenden Berufe für blinde Menschen sehr begrenzt sind, ist dieses neue Berufsfeld eine hervorragende Chance für blinde Frauen, in den Arbeitsmarkt eingebunden zu werden. Die Idee zum Projekt "discovering hands" wurde durch den Gynäkologen Dr. Frank Hoffmann aus Österreich mitgebracht. In Wien wird diese Methode schon mehr als 20 Jahre durch die Gynäkologin Dr. Maria Hengstberger erfolgreich angewandt. Dort werden die Frauen allerdings nicht so streng ausgebildet wie es nun in Deutschland der Fall ist. Der Landesverband Rheinland finanziert diese Ausbildung zur MTU. Sicherlich kann diese Untersuchungsmethode die anderen wie Ultraschall oder Mammographie nicht ersetzen, jedoch stellt die Tastuntersuchung eine wichtige Ergänzung dar. Auch die Patientin lernt durch die ausgedehnte Tastuntersuchung mehr Eigenverantwortung, indem die MTUs zur regelmäßigen Selbstuntersuchung anleiten und ermutigen.