Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hatte sich erst kürzlich dafür ausgesprochen, ausländische Fachkräfte durch eine Senkung der Einkommensschwelle und Willkommensprämien nach Deutschland zu locken, um dem bestehenden Fachkräftemangel in deutschen Betrieben entgegenzuwirken. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) Frank-Jürgen Weise sprach sich in einem Interview der "Financial Times Deutschland" ("FTD") nun dagegen aus.
Weise plädiert dafür, zunächst das vorhandene Potenzial am deutschen Arbeitsmarkt stärker zu nutzen. Die Betriebe sollten entsprechende attraktive Angebote entwickeln. Betriebe, die qualifizierte Fachkräfte haben wollten, müssten auch etwas bieten. Er weist darauf hin, dass in Deutschland viele qualifizierte Frauen nicht arbeiten können, weil es an der Kinderbetreuung mangelt. Hier könnten Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam Abhilfe schaffen.
Auch der CSU-Chef Horst Seehofer kritisierte Brüderles Pläne. Er sprach sich im ARD-Sommerinterview dafür aus, zunächst das in Deutschland vorhandene Arbeitskräftepotenzial auszunutzen. Schließlich seien in Deutschland noch mehr als drei Millionen Menschen arbeitslos. Deutschland könne nicht zum Sozialamt für die ganze Welt werden. Sein Parteikollege, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, äußerte sich ähnlich. Die CSU würde keiner grundlegenden Änderung der Zuwanderungsregelung zustimmen. So könnten auch heute schon Firmen ausländische Mitarbeiter einstellen, wenn in Deutschland keine entsprechend qualifizierten Kräfte zu finden seien.
Unterstützung bekam Brüderle vom Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt. Der Chef der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) sieht in einer Zuwanderungspolitik, die sich am Bedarf des Arbeitsmarktes orientiert, auch mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für deutsche Bürger, da sie zu mehr wirtschaftlicher Dynamik führe. Hundts Vorschlag ist ein Punktesystem nach Qualifikationen wie Sprachkenntnissen, Ausbildung und Berufserfahrung, mit dem Zuwanderer nach Deutschland geholt werden könnten.