Geldanlage: Kleinanleger unterschätzen oft Verlustrisiken

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Verhaltensexperiment zeigt: Kleinanleger unterschätzen Verlustrisiken, weil sie den Zinseszinseffekt nicht beachten – DIW-Forscher fordert daher verstärkte Hinweispflichten.

Verhaltensexperiment zeigt: Kleinanleger unterschätzen Verlustrisiken, weil sie den Zinseszinseffekt nicht beachten – DIW-Forscher fordert daher verstärkte Hinweispflichten.

Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) wird das Verlustrisiko häufig unterschätzt, da die Anleger den Zinseszinseffekt, die Wiederverzinsung von bereits erhaltenen Zinsen, nicht beachten. Der Wert der Investition wird bei einem möglichen Verlust zu hoch eingeschätzt.

DIW-Ökonom Christian Zankiewicz führte in Kooperation mit der Berliner Humboldt-Universität anhand eines Verhaltensexperiments an der Technischen Universität Berlin (TU) und am University College in London einen Versuch mit 303 Studenten durch, die Investitionsentscheidungen trafen. Der Abschlusswert der Investition wurde von bis zu 98 Prozent der Teilnehmer überschätzt. Teilnehmer, den vorher der der Zinseszinseffekt näher gebracht wurde, lagen bei der Beurteilung des Ertrags der Investition in den meisten Fällen richtig. DIW-Forscher Zankiewicz sieht dies als Zeichen, dass ein Gesetz über eine entsprechende Informationspolitik erlassen werden sollte.

Schlechtere Einschätzung bei längerem Anlagezeitraum
Das Verhaltensexperiment in vollständig kontrollierbarer Laborumgebung hat zu empirischen Untersuchungen den Vorteil, dass Kausaleffekte – also reelle Ursachen, die zu Entscheidungen führen – messbar sind. Die 128 Teilnehmer an der TU Berlin wurden mit einer hypothetischen Investition mit einem Startkapital von 10.000 Euro konfrontiert. Bei positiven Zinsen konnte der Wert in einer Periode um 70 Prozent steigen, während er bei negativen Zinsen um 60 Prozent fallen konnte. Die Wahrscheinlichkeit für beide Fälle lag gleich hoch.

Allerdings kann eine 60prozentige Abwertung keinesfalls durch eine einzige 70prozentige Aufwertung kompensiert werden, da nach einem Verlust nur noch ein Realvermögen von 4.000 Euro vorhanden ist, also ergibt sich bei einer solchen Wertentwicklung nur noch ein Abwärtstrend. Der maximal zu erwartende Endwert (Medianendwert), den eine Investition bei 50 Prozent aller Fälle ergibt – läge hier nach zwölf Jahren bei 989 Euro. Falls der Zinseszinseffekt außer Acht gelassen wird, und nur die absolute Wertänderung der ersten Periode (in diesem Beispiel plus 7.000 Euro oder minus 6.000 Euro) als konstant gesehen wird, geht der Anleger von einem Medianwert von 16.000 Euro nach zwölf Jahren aus – eine krasse Überschätzung seiner Investition.

Aufgeklärte Anleger haben bessere Einschätzung
Im Versuch der TU Berlin wurde für die nicht aufgeklärte Kontrollgruppe in der ersten Runde für 98 Prozent der Teilnehmer Medianendwerte von über 2.000 Euro ermittelt, in der fünften Runde (der Endrunde) immer noch für 86 Prozent. Währenddessen bestimmten 70 Prozent der vorher über den Zinseszins aufgeklärten Teilnehmer den Medianendwert bereits in der ersten Runde korrekt. Bei einem weiteren Test am University College in London (mit 175 Studenten) führte sowohl eine Erhöhung der Wertschwankungsbreite als auch eine längere Laufzeit einer Anlage zu einer noch höheren Überschätzung der Medianendwerte. Von den Teilnehmern einer weiteren Untersuchungsgruppe, die zusätzlich mit einem realen Finanzprodukt – (Exchange Traded Funds (ETFs) – konfrontiert wurden, überschätzten rund 70 Prozent den Medianendwert, allerdings ergab sich kein Unterschied zwischen verschiedenen Schwankungsbreiten.

Kleinanleger unterstützen
Anleger führen nach diesem Versuch bei ihrer Investitionsentscheidung statt einer korrekten Zinseszinsrechnung eine vereinfachte Rechnung durch und unterschätzen mögliche Verluste massiv. Der Autor sieht sich daher bestätigt in seiner Forderung, dass Anlageberater verpflichtet werden sollten, die Kunden gezielt auf diesen Effekt hinzuweisen. Zusätzlich könnte die Bereitstellung realistischer Endwertberechnungen für unterschiedliche Anlagehorizonte die Anleger besser aufklären. Christian Zaniewicz mahnt, dass viele Anleger ihre Ersparnisse in lang laufende Altersvorsorgeprodukte investieren und deren künftige finanzielle Lage davon massiv abhängig wäre. Er fordert daher, dass die Politik die Kleinanleger nicht im Stich lassen dürfe.

Mathematik und Statistik bereits in der Schule
Zusätzlich fordert er, Grundkenntnisse in Statistik bereits im Schulunterricht zu vermitteln. Ökonomische Wachstumsprozesse und statistische Maße wie der Median sollten im Unterricht präsent sein, um den Schülern das Know-how für spätere Investitionsentscheidungen zu vermitteln. Sie könnten dadurch Kreditangebote korrekt einschätzen und Inflation oder das Wirtschaftswachstum selbstständig und kritisch bewerten.

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